„Um 18 Uhr herrscht auf der Straße Krieg“
Dormagen „Wir sind nirgendwo willkommen. Weder auf der Straße noch auf den Radwegen.“ Das ist die ernüchternde Bilanz von Martin Ritterbach. Der Dormagener ist erster Vorsitzender des Radsportclubs (RSC) Nievenheim. Rennradfahren ist sein Hobby, seine Leidenschaft. Ideale Bedingungen finden er und seine Vereinskollegen rund um Dormagen dafür nur selten vor – im Gegenteil.
„Auf der Straße werden wir teilweise angehupt, und auf dem Radweg schreit man uns ,Das ist hier keine Rennstrecke’ hinterher“, erzählt Ritterbach. Mehrmals pro Woche fährt er mit dem RSC nach Feierabend und am Wochenende Touren. Dass sie dabei herkömmliche Radwege eher meiden, hat laut Ritterbach einen einfachen Grund: „Die sind einfach häufig in einem desolaten Zustand.“ Wurzeln und Schlaglöcher würden viele Radwege geradezu pflastern. Ein ernst zu nehmendes Risiko, wenn man mit 30 bis 40 km/h unterwegs ist – noch dazu auf einem leichten Carbonrahmen samt extradünner Bereifung. „Viele Radwege sind auch häufig zu schmal“, sagt Ritterbach. „Die Gefahr, bei normaler Trainingsgeschwindigkeit Unfälle mit Senioren, Familien, Reitern oder Hunden zu verursachen, ist zu hoch.“
Fest steht: Die Unfälle zwischen Rad- und Autofahrern nehmen zu – diesen Rückschluss lassen zumindest Statistiken der Polizei zu: So registrierte die Polizei 2021 im Rhein-Kreis Neuss insgesamt 241 Unfälle zwischen Auto- und Radfahrern. 2025 waren es 298.
In Dormagen ist der Anstieg noch drastischer, hier hat sich die Zahl der Unfälle mit Beteiligung von Auto- und Radfahrern im selben Zeitraum mehr als verdoppelt. 2021 zählte die Polizei 19 Unfälle, im vergangenen Jahr waren es 43.
Der Straßenverkehr sei „allgemein stärker von Hektik und rücksichtslosem Verhalten“ geprägt, erklärt Polizeisprecher Dominik Schneider. Erst am Montag war ein Radfahrer in Rommerskirchen bei einem Überholmanöver eines Transporters unverschuldet lebensgefährlich verletzt worden.
Martin Ritterbach zieht die Straße trotzdem vor: „Mir ist es lieber, ich werde auf der Straße von einem Auto überholt, als auf dem Radweg ständig Gefahr zu laufen, in einen Traktor oder andere Radfahrer zu krachen.“ Dass nicht alle Autofahrer den vorgeschriebenen Mindestabstand von 1,5 Metern inner- und zwei Meter außerorts einhalten würden, nimmt er dabei in Kauf. „Das ist trotzdem ungefährlicher.“
Knifflig wird es laut Ritterbach vor allem dann, wenn am Ortsausgang der Radweg endet, und man sich in den Autoverkehr einfädeln muss. Gerade abends, wenn der RSC seine Feierabendrunden in Richtung der Kraftwerke dreht, ist die Verkehrslage auf den Straßen laut Ritterbach sehr unübersichtlich. „Um 18 Uhr herrscht auf der Straße Krieg. Da wollen alle nach Hause.“
Laut Polizei stellen die Rennradfahrer für den Verkehr eine Herausforderung dar – insbesondere weil der Sport seit Jahren boomt: „Es ist richtig, dass Rennräder oft mit hoher Geschwindigkeit auf der Fahrbahn unterwegs sind“, sagt Polizeisprecher Schneider. „Das kann es für andere Verkehrsteilnehmer schwierig machen, Abstände korrekt einzuschätzen und birgt zusätzliches Risikopotenzial.“
Rechtlich sind Auto- und Radfahrer im Straßenverkehr gleichgestellt: Zwischen Rechtslage und subjektiver Wahrnehmung klafft allerdings eine erhebliche Lücke, wenn man Jürgen Giese fragt. Er ist Mitglied der Dormagener Ortsgruppe des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC). „Bei einem Unfall ziehen Radfahrer leider meistens den Kürzeren“, so der 79-Jährige. „Manchmal hat man als Radfahrer das Gefühl, kein vollberechtigter Verkehrsteilnehmer zu sein.“
Ein Helm ist für den passionierten Radfahrer, der im Jahr bis zu 12.000 Kilometer mit dem Rad abspult, Pflicht. Dazu rät auch die Polizei: „Ein Großteil der lebensbedrohlich verunfallten Radfahrer trug unter anderem Kopfverletzungen davon, weshalb die Polizei alle Radfahrer dringend darum bittet, nicht ohne Helm in den Sattel zu steigen“, so Dominik Schneider.
In der Dormagener Innenstadt empfindet er das Radwegenetz als gut ausgebaut, aber außerorts identifiziert auch er einige „Brennpunkte“: So sei beispielsweise die Querung des Erntewegs über die B9 südlich von Stürzelberg für Radfahrer enorm gefährlich. „Das ist die reinste Katastrophe, wenn man bedenkt, dass hier auch viele Schüler mit dem Rad rübermüssen“, so Giese.
Martin Ritterbach und sein RSC versuchen auf ihren Touren, so oft wie möglich auf gut ausgebaute Wirtschaftswege auszuweichen. Er wirbt für mehr Verständnis. Sowohl von Rad- als auch von Autofahrern. „Ich glaube, es würde viele Konflikte entschärfen oder sogar vermeiden, wenn sich beide Parteien im Verkehr etwas mehr in die Lage des anderen versetzen würden.“