Corona-Projekt führt Neusser durch ganz NRW
Wenn Schröter im September auf der Landkarte in seinem Büro eine bunte Stecknadel in die allerletzte noch nicht markierte Stadt sticht, beendet er auch ein ganz eigenes Corona-Projekt. Während in der Pandemie viele auf Lockdown und Kontaktverbote zum Beispiel mit Heimwerken reagierten und etwa ihr Bad neu fliesten, floh Schröter auf und mit seinem Rad aus der angeordneten häuslichen Enge. Insgesamt 10.625 Rennrad-Kilometer hatte er nach der Saison in den Beinen und viele Orte Nordrhein-Westfalens zumindest gestreift, oft aber auch zu Fuß erkundet.
Einige Orte Nordrhein-Westfalens hatte der Schlicherumer Schröter, der zum Beispiel Sportvereine in Sachen Öffentlichkeitsarbeit berät oder auf Einladung von Sportverbänden Marketing-Workshops organisiert, schon zuvor berufsbedingt – oft ebenfalls mit dem Rad – bereist. Und nachdem auch diese auf der Karte markiert wurden, begann das Projekt „Nachverdichtung“. Das geht Schröter mit Hilfe eines Fahrrad-Computers an. Der entwickelt eine Streckenführung, die nicht nur die ausgesuchten Orte miteinander verbindet, sondern immer den rad-touristisch schönsten Kurs anbietet.
So wurde Schröter etwa mit den Pättkes vertraut, wie die Münsterländer ihre oft asphaltierten Wirtschaftswege nennen. Die fand der Neusser in doppelter Hinsicht bemerkenswert, weil die Pättkestouren auch erstklassig ausgeschildert sind. „Am meisten überrascht hat mich allerdings das Wiehengebirge“, sagt Schröter über diesen Ausläufer des Teutoburger Waldes an der Grenze zu Niedersachsen. Die Landschaft nennt er lieblich und „perfekt zum Radfahren“.
Als Schröter über der Tourplanung für 2026 brütete, waren noch viele Orte offen. Das änderte sich seitdem. Von Dinslaken aus startete er im April zur Tour „Rest vom Niederrhein“, im Mai arbeitete er von Bad Rothenfelde aus den „Rest nördliches NRW“ (mit einem Abstecher nach Niedersachen) ab, und im Mai stieg er auf Burg Vischering für die Tour „Rest vom nördlichen Pütt und südlichen Münsterland“ in den Sattel. Ende Mai war der „Rest vom Süden NRW“ mit Städten wie Bornheim und Troisdorf erledigt, im Juli der „Rest Eifel“ mit Mechernich und Roetgen – und zuletzt halt der „Rest vom Pütt“. Gesamtlänge aller „Reste-Touren“ in diesem Jahr: 801 Kilometer.
Das klingt nach einer gar nicht so üblen Jahresleistung für Hobby-Radler, aber weniger nach Ausdauersport. Und in der Tat machen die Reste-Touren nicht einmal zehn Prozent von Schröters Jahrespensum aus. Alleine mit seinen Freunden vom Radsport-Club Nievenheim fährt Schröter rund 180 Trainings-Kilometer – aber das jede Woche! Und zwischendurch macht er auch noch andere außergewöhnliche Radtouren, wie zum Beispiel 2024. Da radelte er im Windschatten des isländischen Olympioniken und Ironman-Triathleten Ragnar Gudmundsson in nur sechs Tagen die 1100 Kilometer von Köln bis an die Nordspitze des dänischen Jütland.
Sein Corona-Projekt „NRW mit dem Rad“ aber war ihm in der Rückschau besonders wichtig, weil es ihm die Schönheit und die vielen Besonderheiten dieses angeblich so industrialisierten Bundeslandes vor Augen führte. „Man muss nicht immer in die Ferne reisen, um tolle Orte und Landschaften zu entdecken“, sagt Schröter. Er kann daher verstehen, warum immer mehr Nordrheiner, Lipperländer und Westfalen Urlaub vor der eigenen Haustür machen.
Was bleibt noch zu tun, wenn man alle Orte im Land schon kennt? „Ich habe mir zum 50. Geburtstag Geld für ein Kanu gewünscht“, sagt Schröter. Neun Jahre später ist er ja vielleicht reif, für eine andere Erfahrung.