L’Ardechoise (Brevet de Gorges – Allier) – 12.06. bis 15.06.2013

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Im Rahmen unseres Frankreich-Aufenhalts sind Peter, Maja und ich die Ardechoise gefahren. Wie vor dem Hauptmahl üblich haben wir uns am Sonntag einen kleinen Aperitif gegönnt. Um uns auf die Ardechoise einzustimmen, sind wir zu dritt die kurze 90 Kilometer „Ardeche Verte – Cance“ gefahren. Sie führt von Saint Felicien in den Norden der Region Ardeche und ist eher von „grünen“ Wäldern geprägt. Nach zwei Tage Ruhepause mit einem Abstecher zum Mont Ventoux, sollte dann am Mittwoch die eigentliche Tour für Peter und mich beginnen.
Saint Felicien, Mittwoch der 12. Juni, kurz vor 8 Uhr:
Peter und ich machen uns auf, den Brevet Gorges – Allier im Rahmen der Ardechoise in Angriff zu nehmen. Doch wo ist der Start? Allgemeine Verwirrung umfasst die 4-Tages-Fahrer, die sich kreuz und quer durch Saint Felicien bewegen. Schließlich finden wir den Start und mit Überfahren der Zeitnahme beginnt das Abenteuer. Was mich bei meiner allerersten 4-Tages-Tour erwarten sollte, konnte ich da noch nicht abschätzen. Sehr früh merke ich aber, dass diese Veranstaltung nichts mit einer RTF oder Marathon zu tun hat. Ein kleines Beispiel: Zwischen Kilometer 10 und 22 gab es schon drei Verpflegungsstellen. Eine solche Dichte ist bei einer RTF undenkbar. Dabei ist es einfach unglaublich, was die Leute in den einzelnen Orten auf die Beine stellen um nicht nur die Rennradfahrer, sondern auch sich selbst zu begeistern. Da steht nicht nur ein wackeliger Klapptisch mit Getränken und trockenen Waffeln, wie bei einer RTF üblich. Im Gegenteil, für die Leute steht Gastfreundschaft im Vordergrund. Da wird alles aufgefahren was die Region anzubieten hat. Von leckerem Baguette, über Wurst und Käse, allen Arten von Obst und selbstverständlich auch Wein. An den Verpflegungsstellen herrscht Volksfeststimmung. Die Orte sind geschmückt mit Luftballons, Wimpeln und Fahnen in den Farben der Ardechoise gelb und violett, teilweise verkleiden sich die Leute zu bestimmten Themen. In Sceautres zum Beispiel war die Geschichte von Schneewittchen und den sieben Zwergen zu bestaunen. Alle Leute an der Verpflegungsstelle waren mit Zipfelmützen verkleidet. In Chassiers wurde einfach ein „E“ vor den Ortsnamen geklebt, also „Echassiers“, was übersetzt Stelzvögel bedeutet. Das Thema in diesem Ort war Flamingos und Störche. Das kleine Bergdorf Saint Jean de Pourcharesse, welches auf etwa 800 m über Null liegt, wurde schlicht in Saint Jean sur Mer, also „Saint Jean am Meer“ umbenannt. Ein Auto im Dorf wurde mit Segelmast auf dem Dach zu einem Boot umfunktioniert. Die Bewohner trugen allesamt Matrosenuniformen und man fand am Straßenrand Klappstühle, Sonnenschirme, Luftmatratzen und Muscheln. Neben einem Kieshaufen stand ein Schild mit der Aufschrift Strand. Natürlich fehlten auch nicht Schippe und Eimer zum Sandburgenbau. In Saint Eulalie war eine wunderbare Märchenwelt aufgebaut worden. Eigens für die Ardechoise wurde ein riesiges Holztor aufgestellt. Überall war Musik zu hören, die Menschen sangen, waren fröhlich und bester Stimmung. Für Sie ist die Ardechoise der Höhepunkt des Jahres. Am letzten der vier Tage wurde es voller auf der Strecke. Nach dem Motto alle Straßen führen nach Saint Felicien wurden nun alle Teilstrecken der Ardechoise nach und nach zusammengeführt. Die Masse der über 12000 Rennradfahrer und die Geräusche der Räder ließen einem einen kalten Schauer über den Rücken laufen. In Saint Agreve, etwa 50 Kilometer vor dem Ziel die letzte große Verpflegungsstelle. Außer Rennradfahrern war nicht mehr viel zu sehen. Auf einem Podest stand ein Blassorchester. Alles keine Profimusiker. Es hörte sich an als ob alle allein zu Hause geübt hätten, aber nie zusammen. Aber das ist hier nicht wichtig. Die Kappelle erhielt nach jedem Stück Applaus von den Anwesenden. Ab jetzt war die Strecke komplett für die Rennradfahrer gesperrt. Unaufhaltsam bewegte sich das große Feld weiter. Rochepaule wurde erreicht, dann der letzte Col hoch nach Lalouvesc. Der Hintern schmerzte schon ordentlich, aber die Masse riss einen unweigerlich mit in Richtung Ziel. Dann folgte die letzte 20 Kilometer lange Abfahrt nach Saint Felicien mit einer unglaublichen Panoramaaussicht. Auf den letzten Metern klatschten einem die Leute am Straßenrand noch einmal zu und feuerten uns an. Dann war das Ziel erreicht. Unfall- und pannenfrei waren wir glücklich den Brevet bestanden zu haben.
Allgegenwärtig bei der Ardechoise ist Robert Marchand. Dieser Mann ist eine lebende Legende und ein Volksheld in der Region. Für ihn wurde bei der UCI speziell die Altersklasse Ü100 eingeführt. Er hält den Stundenweltrekord für über 100-Jährige auf der Bahn mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 24,25 km/h und hält die Bestmarke für 100 km auf der Bahn mit 23.31 km/h. Im Vorjahr ist er den „Doux“ bei der Ardechoise gefahren. Es handelt sich dabei um eine 85 km Strecke mit knapp 1600 Höhenmetern! Inzwischen wurde zu seiner Ehre auch ein Col nach ihm benannt. Bemerkenswert ist noch, dass er erst im Alter von 78 Jahren mit dem Rennradfahren begonnen hat.

Ich tue mir schwer weiter über die Eindrücke von der Ardechoise zu schreiben, da es noch so viel mehr zu sehen gab, über das man berichten könnte. Die Ardechoise ist nichts für Schnellfahrer, die ihr Heil in einem guten Schnitt suchen, Sie lädt ein zum Genießen. Man soll genießen. Man lernt hier viel über die französische Art und Lebensweise. Hängen bleibt von der Ardechoise bei mir, neben einem perfekten Radfahrwetter, die gewaltige und unfassbar schöne Landschaft, die Herzlichkeit und Begeisterungsfähigkeit der Menschen und vor allem der Jugend in der ganzen Region und die Tatsache das Rennradfahren in Frankreich einen viel höheren Stellenwert genießt als in unserem Land. Auch die drei Unterkünfte während der Tour waren sehr speziell und werden Peter und mir in Erinnerung bleiben. Die Ardechoise war nicht nur für uns drei, sondern auch für die über 12000 Teilnehmer ein großes Erlebnis, bei der es auf die Aufzählung von nackten Zahlen nicht ankommt. Fortsetzung folgt?! (Peter, Maja, Andreas)

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